Wenn sich Jugendliche in der Stadt engagieren möchten, können sie meist aus einer Vielzahl ganz unterschiedlicher Vereine, Organisationen und politischer Gremien auswählen. Einrichtungen wie Freiwilligenagenturen unterstützen sie dabei,  eine passende Engagement-möglichkeit zu finden. Auf dem Land sieht es häufig anders aus – da gibt es oftmals keine professionellen Akteure vor Ort. Wenn man etwas realisieren möchte, muss man es selbst tun und kann dafür auf das häufig vorhandene Netzwerk ehrenamtlicher Strukturen zurückgreifen.

 

Edda Laux vom sächsischen Programm Hoch vom Sofa! der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) arbeitet mit ihrem Team mit kleinen Kommunen zusammen und kennt die Vorzüge und Herausforderungen von Jugendbeteiligung in ländlichen Räumen. Im Interview gewährt sie Einblicke in die Besonderheiten von Engagement auf dem Land.

 

DKJS: Wie können sich Jugendliche auf dem Land beteiligen?

 

Edda Laux: In vielen deutschen Bundesländern ist die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an allen sie betreffenden Entscheidungen bereits auf Landes-, Kreis- und/oder Gemeindeebene gesetzlich verankert. Kleine Gemeinden, in denen wenige Jugendliche leben und in denen es wenig professionelle Strukturen für Kinder und Jugendliche gibt, stehen hier oft vor der Frage, wie sie das leisten sollen. Ein politisches Jugendgremium einzurichten ist da oft nicht zielführend, da wenig Jugendliche sich für politische Ämter interessieren. Wir haben einige Gemeinden (ca. jeweils 10.000 Einwohner) dabei begleitet, eigene Lösungen zu finden. So entstanden z. B. Jugendredaktionen, die eine eigene Seite im Amtsblatt füllen, Jugendstammtische, die Gemeinderatsmitglieder einladen, Kinder- und Jugendprojektefonds, über deren Vergabe die jungen Menschen selbst bestimmen u. v. m. Wichtig dabei ist, dass die Gemeinden Wege finden, wie sie sicherstellen, dass die Kinder- und Jugendbeteiligung auch langfristig zuverlässig gewährleistet ist. Instrumente wie eine durch den Gemeinderat ratifizierte Leitlinie zur Kinder- und Jugendbeteiligung oder der in Sachsen erprobte Jugendcheck sind da gute Ansätze.

 

DKJS: Welche Rolle spielt Engagement auf dem Land?

 

Edda Laux: Dem ehrenamtlichen Engagement kommt in ländlichen Räumen eine ganz besondere Rolle zu. Es ist der soziale Kitt. Wer im Dorf oder der Kleinstadt lebt und sich als Teil der Gemeinschaft versteht, engagiert sich. Meist in einem Traditionsverein wie der Feuerwehr oder dem Fußballverein. Und eben jene Vereine sind stets auf der Suche nach Nachwuchs, machen sich regelrecht Konkurrenz dabei. Denn in Zeiten, in denen die Dörfer schrumpfen und junge Menschen in die Städte abwandern, ist der Pool an jungen engagierten Menschen begrenzt. Was viele Traditionsvereine dabei übersehen: Ihre Angebote mögen zwar für Kinder noch spannend sein, werden aber für Jugendliche zunehmend unattraktiv. Jugendliche engagieren sich lieber kurzfristig, wollen im Engagement auch Freundschaften pflegen und persönlich einen Nutzen daraus ziehen. Darum sind z. B. Sportvereine, die Trendsportarten wie Downhill anbieten, wesentlich jünger als jene, die sich neuen Sportarten verschließen. Andererseits können Jugendliche, die sich engagieren – indem sie z. B. eigene Projekte umsetzen – in den ländlichen Regionen oft auf ein sehr erfahrenes und zuverlässiges Netzwerk zurückgreifen. Engagement, Nachbarschaftshilfe und familiäre Unterstützung sind im Dorf oft Usus. Insofern es jungen Menschen also gelingt, Erwachsene in der Gemeinde von ihrem Vorhaben zu überzeugen, ist die größte Hürde für eigenes Engagement genommen.

 

DKJS: Welche Bedeutung haben ehrenamtliche und professionelle Strukturen in Hinblick auf mögliche Kooperationsprojekte mit Kindern und Jugendlichen in ländlichen Räumen?

 

Edda Laux: Nicht zuletzt aufgrund fehlender Strukturen ist das Ehrenamt von so herausragender Bedeutung für ländliche Gemeinden. Wie die Bezeichnung „strukturschwache Regionen“ schon vermittelt, sind hauptamtliche Strukturen im Jugendbildungs- und -hilfebereich schwach ausgeprägt. Insbesondere in Dörfern und Gemeinden mit vielen entlegenen Ortsteilen sind Bildungsinstitutionen und Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche selten. In Sachsen haben wir durchaus schon sehr fruchtbare Kooperationen innerhalb professioneller Strukturen erlebt. Zum Beispiel unterstützen in Cunewalde eine Schuldirektorin, eine Schulsozialarbeiterin, ein Träger der freien Jugendhilfe und der Bürgermeister gemeinsam Jugendliche personell und finanziell dabei, einen Skateplatz nach ihren Wünschen wieder nutzbar zu machen. Aber erfahrungsgemäß sind im ländlichen Raum die Gemeinde, oft die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister selbst und besonders aktive und jugendaffine Vereine, egal ob Heimat-, Sport-, Musik- Faschingsverein oder Freiwillige Feuerwehr, gute PartnerInnen für Kooperationsprojekte. Ehrenamtlich versteht sich.

 

DKJS: Welche Chancen und Herausforderungen hat Demokratiebildung in ländlichen Räumen?

 

Edda Laux: Natürlich herrscht auf dem Land Handlungsbedarf, demokratische Strukturen zu stärken, Jugendlichen positive Demokratieerfahrungen zu vermitteln und antidemokratischen Tendenzen entgegenzuwirken. Gleichzeitig ist nirgendwo Demokratie so unmittelbar erfahrbar wie auf dem Land. Wenn der Bürgermeister Kinder und Jugendliche im Fußball trainiert, die Ortsvorsteherin den Dorfladen betreibt und der Onkel beim Planungsamt angestellt ist, werden administrative Zusammenhänge und politische Entscheidungsfindungen im Alltag erfahrbar. Politik zum Anfassen im wahrsten Sinne des Wortes. Mit anderen Worten: Mitbestimmung und Meinungsbildung findet verstärkt auf der Beziehungsebene statt. Während kulturelle und politische Bildungsinstitutionen also Mangelware sind, gibt es umso mehr unmittelbare Einflussmöglichkeiten auf und erlebbare Auswirkungen von politischem Handeln. Auf dem Land weiß man, wer die Restaurierung des Brunnens am Markt möglich gemacht hat und an wen man sich wenden kann, wenn ein Jugendprojekt Unterstützung braucht. Das heißt also, dass die Qualität der gelebten demokratischen Kultur auf dem Land stark von den engagierten Personen in Vereinen, Gemeinderat, Bürgermeisteramt und Verwaltung abhängig ist und politische Bildung im informellen Bereich stattfindet. Und genau hier können Stiftungen wie die DKJS ansetzen und die Agierenden unterstützen und stärken.