Christian Kluge und Cathleen Pfefferkorn im Gespräch.

Wir befinden uns ins Colditz, direkt am Marktplatz und zentral in der Innenstadt. Hier wurde mit Unterstützung der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) ein Zentrum für junge Menschen gegründet: der Kinder- und Jugendclub „Go Colditz“. „Die haben mich noch nie im Stich gelassen“, sagt Projektinitiatorin Cathleen Pfefferkorn, als wir fragen, ob denn zu unserem heutigen Besuch auch paar Kinder und Jugendliche vorbeikommen.  „Na aber klar“, winkt sie mit selbstverständlichem Vertrauen ab, „die sind da.“

 

Wir haben kaum Zeit uns in der Projektzentrale umzusehen, da trudeln schon die ersten Kids ein. Jede/r wird nacheinander von Cathleen freudig begrüßt und sie hat jeweils eine kleine Anekdote parat. Johannes zum Beispiel ist einer von den Rad-Kids, Jeannine von der Spielplatz-Ralley und Helene ist die Fotografin. Was es genau damit auf sich hat, erfahren wir später.

 

Ein Ort der Gemütlichkeit

Der Jugendclub befindet sich mitten im Stadtzentrum und ist wunderschön gelegen. Bunte Graffitis, die die Kinder selbst gesprayt haben, führen an dem Seitengemäuer entlang und bringen uns direkt zum Eingang. Ein Schritt durch einen kleinen Hof und schon steht man mitten in der Zentrale: helle, sonnig gelbe Wände, gemütliche Liege- und Lümmelflächen, überall selbstgemalte Plakate und Projektideen an den Wänden, Snacks und Getränke: „Und wo ist der Kuchen eigentlich?“, wird Cathleen mehrmals gefragt. „Das Backen übernimmt mittlerweile Emmi. Die ist unsere Kuchen-Beauftragte.“ Kuchen ist hier also fester Bestandteil. Und die Gemütlichkeit ist perfekt.

 

 

Ein Ort des Wachstums

Langsam wird es immer voller und bald sind es an die 18 Kinder und Jugendliche, alle im Alter von 9 bis 16 Jahren. Die älteste ist

An Ideen mangelt es den Colditzer Jugendlichen nicht!

Cathleens Tochter Emily (16). Wir setzen uns in einen

gemütlichen Sitzkreis in den sonnengelben Raum. An den Wänden stehen gemütliche Sofas und auch auf den Fensterbrettern nehmen die jungen Leute Platz. Man merkt: die Kinder kennen ihr Revier. Und mittendrin, unten auf den Liegeflächen, sitzt Cathleen. „Wir atmen als Gruppe: Viele sind bisher gekommen und manche wieder gegangen und wir wachsen immer noch“.

 

 

Aktiv nach Lösungen suchen

2018 hat alles begonnen. Auf einem Colditzer Sportplatz kam es zwischen Cathleen und ein paar Jugendlichen zu einer Konfrontation, eine Lösung schien nicht in Sicht. Aus dieser Verunsicherung und scheinbaren Ausweglosigkeit machte Cathleen klare Taten, suchte Gespräche mit der Schulleitung, mit Lehrerinnen und Lehrern und mit dem Bürgermeister. „Aber nicht um zu schimpfen, sondern um ihnen von meiner Idee zu erzählen. Ich wollte für die Kids einen Ort schaffen, um ihnen zu helfen, gegen den Frust ihrer Langeweile aktiv zu werden. Dabei wollte ich mich der allgegenwärtigen Meinung klar verwehren, die Kinder und Jugendliche seien das Problem. Lieber wollte ich aktiv nach Lösungen suchen.“

 

 

Mit „Demokratie in Kinderhand“ Weichen setzen

Mithilfe des Kinderbeteiligungsprogramms Demokratie in Kinderhand hat Cathleen eine Brücke zur Colditzer Jugend geschlagen, auf der Straße wird sie mittlerweile von allen Seiten gegrüßt. „Ich bin vieles: Ansprechpartnerin und Verbindungsglied für die Kids hier in Colditz, Sprachrohr und Vermittlerin ihrer Bedürfnisse gegenüber Erwachsenen, aber auch ein Schutzschild gegen Kritiker.“

 

Demokratie in Kinderhand, ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) stellte die finalen Weichen, um die Colditzer Jugend zur Gestaltung ihrer Lebenswelt zu ermutigen und bei der Umsetzung eigener Ideen zu begleiten. Anfang 2019 war dies der Startpunkt für viele Projektideen und Events. „Zum Beispiel unser zweitägiges Open-Air-Kinofestival, eine Spielplatzralley mit dem Feuerwehrauto und ein Müllsammelfestival. Es fand sogar ein zweitägiger Graffiti-Workshop statt, bei dem tolle Kunstwerke entstanden sind. Auch an der U18 Wahl haben wir teilgenommen und unsere Räume kurzerhand als Wahllokal angemeldet.“

 

 

Ehrenamtliche geben dem Projekt ein Herz

Ehrenamtlich unterstützt wurde Cathleen dabei von Kristin Cserezsnye. Später kam Christian Kluge dazu, ein guter Freund von Cathleen, der bei der freiwilligen Feuerwehr tätig ist. Christian sitzt später bei uns und spaßt mit den Jugendlichen über Insider-Witze, Popcorn, Nachos und Glücksräder. Wir merken gar nicht, wie die Zeit vergeht. Mittlerweile haben wir selbst Kuchen im Mund und liegen mit auf den Liegesofas, als Bürgermeister Robert Zillmann dazukommt und sich ungezwungen zu uns in die Runde setzt.

 

Robert Zillmann, Bürgermeister von Colditz

Robert Zillmann, Bürgermeister in Colditz seit anderthalb Jahren, taucht in die fröhliche Stimmung mit ein: „Die Jugend wird jetzt sichtbar und das ist für uns sehr wertvoll. Wir freuen uns darüber.“ Dabei betont er mehrfach die Mithilfe der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, „die die Nase oben halten und alles mit kühlem Kopf überblicken. Sie halten alles zusammen.“ Auch Cathleen und Christian nicken, sie fühlen sich gut von der Stadt unterstützt.

 

 

Der Jugend einen Platz und eine Stimme geben

„Wichtig ist uns insbesondere, der Jugend eine Stimme und einen Platz in der Kommune zu geben, den sie selbst mitgestalten und beleben können“, fügt Robert Zillmann hinzu. „Besonders schön ist, was sich auch über die Projekte hinaus entwickelt. Was es mit den Jugendlichen macht, sich zu beteiligen und die eigene Stadt ganz anders kennenzulernen. Zum Beispiel bei Stadtratsitzungen dabei zu sein, Diskussionen zu folgen. Lernen, Abstimmungen zu machen. Von sich aus haben sich Vertreterinnen und Vertreter der Jugend gefunden, die bei den Sitzungen dabei sein wollten. Das kam ganz von selbst“. Cathleen nickt: „Ich bin so stolz auf die Kids, denn so vieles kommt ganz eigenständig. Und es ist toll, wie sehr man sich dabei auf sie verlassen kann.“

 

 

Mit Courage neue Wege finden

Es ist ein Geben und Nehmen, das die ehrenamtliche Arbeit füttert, von unten stützt und am Leben hält. Denn es ist einiges, was Cathleen, Kristin und Christian leisten. Von Buchhaltung und Öffentlichkeitsarbeit, über grundlegende Organisation und Kommunikation, Gespräche mit Ämtern, Eltern und untereinander, bis hin zu Haushaltsarbeiten in den Räumlichkeiten, und nicht zu vergessen: das Kuchenbacken und Visionenbasteln. „Ich will einfach mal träumen. Dinge tun, die nicht konform sind. Das hat mich getragen. Ich sage immer zu den Kindern: Spinnt! Spinnt und träumt!“

 

 

Mit „Go Colditz“ einen Ort zum Träumen schaffen

Und die Jugendlichen in Colditz träumen und spinnen: Vincent (16) zum Beispiel möchte interaktive Tafeln: „Die sind super für Besprechungen, damit kann man alles viel besser strukturieren.“ Auch von einem moderneren Colditz wird geträumt, von einem E-Sport Team für Internet Gaming, von diversen Ausflügen, zum Beispiel zum Bundestag in Berlin, oder einer neuen Fahrradstrecke, die gemeinsam befahren wird. Und davon, dass „Jugendliche nicht mehr über einen Kamm geschert werden“, sagt Lejla (13). Ja, das ist es, was wirklich allen wichtig ist. Und wir alle nicken – und merken gar nicht, dass der Kuchen, um den sich vorher noch alle gerissen haben, schon lange leer ist.